Kinästhetik in der Pflege
Kinästhetik ist eine naturwissenschaftlich fundierte Bewegungslehre, die Menschen dabei hilft, ihre Bewegung bewusst wahr zu nehmen und sie als Ressource zu nutzen. Sie wurde in den 70er Jahren von Dr. Frank Hatch und Dr. Lenny Marietta entwickelt.
Der Name Kinästhetik setzt sich zusammen aus den Begriffen „kinetic“ (den Bewegungssinn betreffend) und „ästhetik“ (ästhetisch, durch den Sinn wahrgenommen). Im deutschsprachigen Raum steht das Wort Kinästhetik in der Pflege für die Lehre der Bewegungsempfindung.
Seit 1990 gibt es Kinästhetikkurse in Deutschland. Seither werden Pflegende in den Rems-Murr-Kliniken in Kinästhetik von ausgebildeten Kinästhetiktrainerinnen geschult. In Grund- und Aufbaukursen werden den Pflegenden Aspekte der Bewegung als grundlegende Voraussetzung für jede menschliche Bewegung mit Hilfe der 6 Konzepte der Kinästhetik vermittelt, beschrieben und analysiert.
Die 6 Konzepte der Kinästhetik sind:
• Interaktion
• Funktionale Anatomie
• Menschliche Bewegung
• Anstrengung
• Menschliche Funktion
• Umgebung
Dadurch wird ein systematischer Lernweg geschaffen, der einen Austausch über die Bewegung zweier in Interaktion stehender Personen ermöglicht. Dabei steht die Gesundheitsentwicklung und die Erhöhung der Lebensqualität für beide Beteiligten im Vordergrund.
Pflegende lernen ihre Bewegungen bewusst wahr zu nehmen. Durch den Aufbau der eigenen Bewegungs- Wahrnehmung durch Kinästhetik sind die Pflegenden in der Lage, Bewegung nicht nur für die eigene Entwicklung zu nutzen, sondern damit auch andere Menschen (Patienten) zu fördern.
Mit Hilfe der Kinästhetik werden die Ressourcen jedes Einzelnen beachtet und unterstützt. Dem Patienten wird es möglich, zunächst einzelne kleine Schritte im Alltag nachzuvollziehen und sich aktiv an den Dingen des täglichen Lebens zu beteiligen. Er behält die Selbstkontrolle im Alltag und wird unter Respektierung seiner Würde und seiner Fähigkeiten unterstützt und angeleitet. Gerade diese kleinen Schritte und die Nachvollziehbarkeit, was gerade getan wird, stärkt das Selbstbewusstsein des kranken, behinderten Menschen und hilft ihm auf dem Weg der Gesundung bzw. der Weiterentwicklung seiner Fähigkeiten. Dabei steht die Hilfe zur Selbsthilfe im Vordergrund.
Für die unterstützende Person bietet das Konzept der Kinästhetik Möglichkeiten sich nicht selbst in der Pflege zu überfordern oder zu verletzen. Rückenschonendes Arbeiten wird durch „Bewegen statt tragen“ möglich. Die Pflegenden spüren eine Erleichterung im Alltag.
Aus kinästhetischer Sicht kommt der Mobilisation eines Patienten eine andere Bedeutung zu: der Patient wird in Bewegung gebracht.
Die Pflegenden werden darin geschult den Patienten in seinem natürlichen Bewegungsablauf so zu unterstützen, dass er möglichst viel Selbstkontrolle über die Bewegung erlernt und/ oder behält und er schonend bewegt werden kann.
Wir gehen davon aus, dass es durch die Umsetzung von Kinästhetik in der Pflege zu einem Rückgang der krankheitsbedingten Ausfälle auf Grund von Rückenproblemen kommt.
In unseren Häusern wird Kinästhetik nicht nur auf den Pflegestationen umgesetzt, sondern auch in der Intensiv- und Säuglingspflege (Kinästhetik Infant Handling) angewandt. In der Intensivpflege steht neben dem schonenden Bewegen der Patienten die Unterstützung der vitalen Funktionen im Vordergrund. Durch das Infant Handling werden bei Neugeborenen Bewegungsabläufe so gestaltet, dass sie aktiv daran teilnehmen können und die Selbstkontrolle über ihre Bewegung erlangen.
Das Pflegepersonal der Rems-Murr-Kliniken ist zu 50 - 60 % kinästhetisch geschult. Das erlernte Wissen wird regelmäßig durch Workshops und Reflexionstage vertieft.
In den einzelnen Häusern finden regelmäßig Grund- und Aufbaukurse durch externe Trainerinnen statt. Ein Grundkurs findet bereits in der Krankenpflegeausbildung statt. Zur Umsetzung des kinästhetischen Konzeptes in den pflegerischen Alltag werden seit 2003 Peer Tutoren¹ ausgebildet, die auf den Stationen eine strukturierte Anleitung der Kollegen ermöglichen und so den Lernprozess weiter führen.
¹Peer Tutor
“Peers“ sind die Gleichaltrigen, die Kollegen am Arbeitsplatz. Jene, die Kinästhetik in der Pflege oder Kinästhetik Infant Handling anwenden, aber noch keine Experten sind. Der “Tutor“ ist einfach ein Lehrer.
Kinästhetik-Trainerin
Lilly Braun
Tel.: 07151 5006-1816
E-Mail: lbraun(at)khrmk.de
Rems-Murr-Klinik Waiblingen
Winnender Str. 27
71334 Waiblingen
Ansprechpartnerin für die Rems-Murr-Klinik Schorndorf:
Sonja Ramsayer
Tel.: 07181 67-1226
E-Mail: sramsayer@khrmk.de
Leistungen:
- Grundkurse in der Pflege
- Workshops für alle Fachabteilungen
- Praxisbegleitung für Pflegekräfte
- Praxisanleitung für Pflegekräfte und Angehörige
- Informationsveranstaltungen
- Peer-Tutoren
- Bewegungsunterstützung bei Patienten



